The Talented Mr. Palà

Es ist ein grauer Tag in Mailand. Trotzdem, oder gar deswegen, ist die italienische Modehauptstadt voller Energie. Die Menschen eilen durch die Gassen und das The Flow House-Team befindet sich in der Via Tortona – dort, wo sich normalerweise die Modeelite während den Fashion Weeks trifft und große Modehäuser ihre Showrooms haben. Joan Palà steht vor dem nhow, dem wohl trendigsten Hotel Mailands, und raucht seine Zigarette fertig. Sein grauer Schal geht ihm bis zur Unterlippe. Er nimmt einen letzten Zug, begrüßt uns, als würde er uns schon seit Jahren kennen, und folgt uns. Es ist ein neues Kapitel.

 

 

Wir setzen uns auf eine beige Coach, die im Einklang mit Joans Pullover ist. Schon als kleiner Junge mochte es Joan sich schön anzuziehen und sich von seiner Mutter beraten zu lassen. Heute ist er erfolgreicher Art Director und Fotograf und hat eine enorme Reichweite. In Barcelona aufgewachsen, fiel dort vor fünf Jahren der Startschuss seiner internationalen Karriere. Was anfangs nur ein Hobby war, wurde später zum Beruf, „und das ist unglaublich schön“. Joan schwärmt und weckt Interesse. Wer ist dieser junge Mann, der so mysteriös wirkt?
Es dauert nicht lange bis Joan über Mode spricht und offen zugibt, dass sein Stil seit Jahren derselbe ist. Er besitzt, und das fällt sofort auf, ein besonderes Flair für Mode, seine Leidenschaft gehört aber dem „Gesamtpaket“: „Für mich ist es interessant eine ’Kulisse’ zu haben und dort alles miteinzubinden – die Person, die Kleider, die Landschaft, die Details. Kleidung ist ein wichtiger Bestandteil, aber für mich muss es darüber hinausgehen. Deswegen würde ich mich auch „Storyteller“ nennen.“ Die Berufsbetitelung „Influencer“ möchte Joan nicht auf sich beziehen. Seine Instagram-Community nennt er auch nicht „Followers“, sondern „Network of Friends“. Dieses „Network“ hat sein Leben verändert.

 

 

„Mode sieht gut aus, wenn du sie mit Details aus dem Leben mischt“. Was mag Joan am meisten an AllSaints, Sandro und Levi’s? „Dass der Style simpel ist“. Joan liebt dunkle Farbtöne, vor allem grau, und erzählt davon, wie ihn der Film „The Talented Mr. Ripley“ modisch prägt. Wenn es nach ihm ginge, hat dieser Film gar die gesamte Modeindustrie beeinflusst. „Ich denke, dass die aktuelle Männermode sich gerne an Stile und Mittel der früheren Jahrzehnte bedient und der Film ein grandioses Beispiel dafür ist, wie Mode von früher unserer Heutigen so ähnlich sein kann.“ Wenn er solche Filme sieht, liebt er es seinen eigenen Stil darauf aufzubauen. Der Katalane, der noch einen älteren Bruder hat, erwähnt die positive Entwicklung der aktuellen Männermode und findet es eindrücklich, wenn Frauen Männermode anziehen können. Selbst wenn er keine Frauenkleider trägt, bedeutet es ihm viel, dass diese Neutralität auch in der Mode angekommen ist. „Das hat stark mit unserer Mentalität und mit der Entwicklung der Gesellschaft zu tun. Wir müssen der Welt zeigen, dass wir alles tun können, was wir wollen und dass es keine Limits gibt. Niemand soll uns vorschreiben, was wir zu tragen haben.“ Starkes Statement. Er geht sich durch die Haare und erzählt von einer guten Freundin, die ihn besonders inspiriert. „Sie kleidet sich wie ein Mann und es sieht so gut aus!“ Seine heutige Einstellung hat auch vieles mit seiner Vergangenheit zu tun. Der Kontrast zu seiner Jugend könnte kaum größer sein. „Ich komme aus einer kleinen spanischen Stadt, da gab es keine Diversität. Schon gar nicht traute sich jemand durch gewagte Kleidung aufzufallen. Es gab keine Männer, die sich etwa die Haare färbten oder Frauen-Kleider anziehen wagten. Wenn ich heute junge Menschen sehe, die gewissermaßen „anders“ sind und auffallen, dann berührt mich das. Dementsprechend finde ich es sehr gut, dass die Geschlechterlinien bei Brands langsam verschwinden.“ Sonnenstrahlen erblicken den Raum.

 

 

Ein Crush auf Gigi Hadid oder Jon Kortarajena? Nein. Die Menschen, die Joan in seinem Leben am meisten inspirieren und beeinflussen, sind seine Freunde. „Ich verbrachte die vergangenen Jahre mit zwei Freunden, die ebenfalls im Modebusiness sind und sie haben mir sehr viel beigebracht.“ Seine Freunde haben ihm nicht nur gezeigt, wie er sich vor der Kamera in Szene setzen kann, aber auch wie er die Aufmerksamkeit von großen Brands wecken kann. „Es ist ein Spiel und sie haben mir die Regeln und Tricks gezeigt.“ Joan richtet seine Brille zurecht.
Joan bevorzugt es, Menschen, die ein Statement vertreten auch richtig zu kennen. „Ich muss die Personen erst kennenlernen, bevor ich sagen kann, ob ich ihre Modebotschaft teile. Man kann durch Mode richtig ausdrucksstarke Botschaften vermitteln, aber die Person – ihr Charakter und ihre Ideen – zählen immer mehr, als die „nackte“ Kleidung.“
Joan liebt Details. Details in seinem Leben. Details in der Modewelt. „Details machen den Unterschied.“ Es ist kein Zufall, dass er eine Hassliebe zu kurzlebigen Trends hat. Bestes Beispiel: Balenciaga-Schuhe „Ich könnte sie nie tragen, aber irgendwie mag ich sie trotzdem. Es gibt Menschen, die diese Schuhe tragen, sie ausfüllen und genau wissen, was und wieso sie es tragen sollen. Das mag ich.“ Dasselbe mit Kanye West. „Ich könnte stundenlang die Yeezy-Kollektion betrachten und staunen. So kreativ und inspirierend! Aber tragen, könnte ich sie nie!“ Keineswegs ein Phänomen. Wobei der Unterschied darin liegt, dass die meisten Influencer dazu neigen, alles Mögliche zu tragen und dadurch beliebig erscheinen. Bei Joan ist das nicht der Fall. Er hat ein klares Muster. „Teilweise bin ich ein bisschen Anti-Fashion“. Er lächelt schüchtern. „Es gibt sehr erfolgreiche Marken, die heute Millionen von Menschen begeistern – aber mit sinnloser Mode. Wo ist der Common Sense’?“ Gute Frage.

 

 

Die Jugendarbeitslosigkeit in seinem Heimatland Spanien ist besonders hoch. Kann das Land dennoch jungen kreativen Leuten Möglichkeiten bieten, um ihre Projekte zu verwirklichen? „In Barcelona und Madrid sind große Modekonzerne, wie Inditex, die einem Neuling etwas bieten können. Gewisse spanische Marken können dort ganz erfolgreich werden, aber im Großen und Ganzen ist Spanien – meiner Meinung nach – kein Modeland.“ Er vergleicht die spanischen Großstädte Barcelona und Madrid mit Mailand. „Die Städte sind sich insofern ähnlich, weil die Leute eine ähnliche Mentalität haben und die Städte ähnlich aufgebaut sind.“ Joan stellt aber einen entscheidenden Unterschied fest. „In Mailand ist die Mode in den Leuten, dies ist in Spanien nicht der Fall“. Hoffnungslosigkeit für Modetalente? „Man kann in Spanien auch erfolgreich werden, wenn man Mode macht und liebt. Aber um Anklang zu finden, müssen die Ideen großartig und mehrheitsfähig sein. In Mailand reicht es, wenn die Idee gut ist, um Leute zu finden, die dir helfen. Die Industrie ist viel grösser und hat mehr Macht.“ Es dürfe ein Grund sein, weshalb Joan aus Barcelona wegzieht.

200.000 – für manche nur die Einwohnerzahl von Genf, für Joan mehr. So viele Leute folgen seinen Visionen auf Instagram. Für Joan, der aus einfachen Verhältnissen stammt, keine Selbstverständlichkeit. „Während gewisse Leute vor sechs Jahren noch Katzen und Regenbogen posteten, fing ich schon damals an qualitative Bilder zu veröffentlichen, da ich Fotografie schon immer liebte.“ Er hatte eine Vision, die ihm heute noch glänzende Augen beschert. Sein Erfolgsrezept ist ein banales: Der 25-Jährige hat nicht mit Instagram und seinen Projekten begonnen, um Geld zu verdienen. „Ich wusste nicht einmal, dass man das kann. Es machte mir Spaß schöne Bilder zu veröffentlichen und auf Details zu achten, Mode in Szene zu setzen. Ich fing damit an, weil ich es liebe.“ Ist kein Narzissmus dabei? „Jeder Mensch fühlt sich gut, wenn er weiß, dass andere seine Arbeit mögen und seine Erlebnisse verfolgen. Perfektion existiert aber nicht.“ Auch nicht perfekte Bilder? „Es gibt viele Influencer, die scheinbar perfekte Bilder veröffentlichen –  mit dem perfekten Sonnenuntergang, den perfekten Haaren – aber ich bevorzuge Natürlichkeit.“ Ein Nachhaken ist an dieser Stelle nötig, woraufhin Joan sich klar positioniert. „Wir leben nicht in einem Film. Es ist mein Leben. Ich möchte echt sein. Und ja, manchmal – oft – sieht man Bilder, die fake und überbearbeitet sind. Ich möchte mein Leben und meine Persönlichkeit zeigen, aber dabei nicht mein Leben erfinden müssen.“ Joan beobachtet das Ende des Erfolgs von Schein-Perfektionismus. „Menschen können sich schlecht mit scheinbar perfekten Menschen identifizieren. Das merken immer mehr Leute, weswegen ich sicher bin, dass immer mehr junge Menschen es mögen, wenn die Bilder nicht überarbeitet sind, sondern einfach das wahre Leben darstellen.“ Er gestikuliert mit seinen Händen. Natürlichkeit und Authentizität sind Joan wichtig. „Jeder hat schlechte Tage und fühlt sich manchmal nicht gut. Auch ich. Und dann berührt es mich, wenn ich Nachrichten bekomme, die sagen, ’Danke. Danke, dass du meinen Tag schöner machst. ‘ Das hört sich jetzt komisch an, schließlich bin ich keine Pop-Ikone, aber wenn Leute meine Arbeit schätzen und fühlen, dann freut mich das“. Selbst wenn er keine Pop-Ikone ist, erreicht Joan Menschen und ist sich seiner Verantwortung bewusst. Er betont aber, „ich möchte kein Diktator sein!“ Gibt es etwa Diktatoren der sozialen Netzwerke? „Nein, da Instagram eine enorme Varietät und verschiedenste Arten von Accounts bietet. Es gibt die Fußballer-Ehefrau, die eigentlich keine Ahnung von Mode hat aber plötzlich Millionen von Anhängern auf Instagram hat und damit zur Influencerin des Jahres wird – so etwas würde ich kritisieren. Weil, ohne jemanden beschuldigen zu wollen oder in Stereotypen zu denken, es möglich ist, dass sie es nicht von Herzen macht. Jemand, der aber alles selber aufbaut, und die Followers wegen seiner ehrlichen Arbeit bekommt, würde ich hingegen würdigen.“ Joan ist ein Musterbeispiel dafür. Er nimmt einen Schluck Wasser und schaut kurz auf sein Telefon, bevor er es wieder sofort weglegt und über seinen Lieblingskünstler Frank Ocean zu schwärmen beginnt. „Ich mag tiefgründige Lieder, die etwas aussagen.“

Um Ziele zu erreichen, muss man hart arbeiten und dafür kämpfen. Joan, der Pasta über alles liebt, ist sich sicher: „Du bist wer du bist, und früher oder später sollst du das akzeptieren.“ Aber? „Aber man kann mehr Sport machen, die Haare färben, lernen, arbeiten gehen und Geld sparen – Menschen müssen Opfer bringen, um das zu machen, was sie wirklich lieben “. Er beginnt von Zeiten zu erzählen, an denen es alles andere als selbstverständlich für ihn war zu reisen. „Zu Beginn meiner Karriere hatte ich mehrere Jobs gleichzeitig, arbeitete beispielsweise in einer Bar, um mir Reisen und Kleider zu ermöglichen. Von Nichts kommt Nichts.“ Joan glaubt an das Gute und Schöne im Menschen. „Jeder Mensch ist schön und kann das sein, was er möchte – wenn er es wirklich will und dafür arbeitet.“ Und wird poetisch. „Niemand liebt dich mehr als du selbst.“ Unabhängigkeit bedeutet Joan viel. „Ich war nie abhängig. Nicht von meinen Eltern, nicht von meinen Freunden. Abhängigkeit ist etwas Scheußliches.“ Bedeutet Unabhängigkeit nicht auch viel Einsamkeit? „Ich liebe es alleine zu sein! In den Bergen, im Hotelzimmer. Es gibt Leute, die es hassen alleine zu sein, aber Menschen sollten genau diese Momente nutzen, um an sich selbst – an ihrem Innern und nicht Äußern – zu arbeiten.“ Seine Augen funkeln. Es ist bald Mittag.
Lieblingsland? „Ich bin ein direkter und in gewissen Sachen sehr konsequenter Mensch, aber zu solchen Fragen kann ich keine klare Antwort geben, da liegt die Antwort zwischen Schwarz und Weiß. Und meine Lieblingssachen sind Grau.“ Das könnte seine Persönlichkeit nicht besser widerspiegeln. Deswegen mochte er auch Island. „Es war grau, es war dunkel und anders.“ Joan reizt das Unbekannte. „Wenn ich reise, fühle ich mich einfach so gut. In Barcelona wird es mir schnell langweilig, da bevorzuge ich es die Welt zu sehen.“ Wenn man erwartet, dass der Spanier strahlendblauer Himmel und 40 Grad im Schatten liebt, irrt man sich. Der Regen macht ihn glücklich, wie seinem „Network of Friends“ bestimmt schon aufgefallen ist.

 

 

2018 stehen Veränderungen für Joan an. „Ich bin nicht müde, aber ich möchte das, was ich mache, neugestalten.“ Aus diesen Gründen wird der 25-Jährige von Barcelona nach London ziehen. „Ich möchte nicht einfach Bilder für Brands veröffentlichen, sondern selbstständig als Art Director arbeiten. Im Moment sind meine Möglichkeiten in Barcelona begrenzt und ich möchte weiterziehen. Das Leben besteht aus Zyklen und mein Zyklus in Spanien neigt sich dem Ende zu.“ Die Hassliebe zu Barcelona möchte er nicht überstrapazieren. „Ich möchte nicht die Nase voll von Barcelona haben, schließlich ist es meine Heimat. Aber die Stadt inspiriert mich momentan nicht.“ Seine Zukunft als Art Director stellt er sich vielfältig vor. Joan, der ursprünglich Tourismus Management studiert hat, illustriert wie spannend diese Berufung sein kann. „Es geht nicht darum, einfach die Schuhe eines Labels zu tragen und sie dann auf Instagram darzustellen. Viel mehr würde ich die Marke, wenn ich sie mag, darum bitten mir die Möglichkeit zu geben ein ganzes Projekt für sie zu realisieren. Das heißt, dass ich die Models, die Locations, das Styling – alles organisieren würde.“
Er hat viele Ideen, die er in Taten umwandeln möchte. Sein Eifer ist ihm anzumerken, lässt ihn aber zu keiner Sekunde verbissen wirken. Er schafft es mit seinem Charisma nicht gestresst zu wirken, selbst wenn sein Terminkalender die Kapazitäten seines iPhones strapaziert.
Der Fotograf ist an der Tür und die Uhr tickt. Bevor dieser graue Tag zu Ende geht, führt Joan einem vor Augen, dass graue Tage gute Tage sind. Er läuft in Richtung Garderobe, um sich für das Shooting bereit zu machen und in Kleider zu schlüpfen, die ihn zeitlos erscheinen lassen. So zeitlos, dass wir in 20 Jahren über den Stil des „Talented Mr. Palà“ sprechen werden.

Creative Direction + Text: Karim Coppola
Photography: Alessandro Lo Faro
Hair & Make Up: Erika Calabrò
Editorial Assistants: Claire Oehninger, Michèle Schlegel
Brands: AllSaints, Levi’s, Sandro Paris
Special Thanks: Hotel nhow Milan