Was denkst du, Corentin?

Was denkst du, wenn du Corentin siehst? Ein Bild kann uns in eine andere Welt verführen, von anderen Menschen träumen lassen, und einen Menschen kreieren, der in der Fantasie anders erscheinen mag als in der Realität. Und das ist – sehr wahrscheinlich – der Sinn von Mode und Fotografie. Genauso wie in der französischen Literatur, versuchen Models und Designer ihre Bewunderer in eine andere Welt zu verführen. Wer Corentin Huard ist, werden wir herauszufinden versuchen. Zusammen mit Versace und Cerruti 1881, und nirgendwo anders als in Paris.

Unsere Reise beginnt auf dem Place des Vosges, welcher als „königlicher Platz“ gilt und nicht unweit vom trendigen Le Marais-Quartier liegt. In der Maison Victor Hugo, eines der berühmtesten Museen der französischen Hauptstadt, treffen wir auf Corentin Huard. Nicht unbedingt, weil er Literatur zu seinen Hauptbeschäftigungen zählt, viel mehr aber, weil er – ähnlich wie Victor Hugo – eine Masse an Leuten in seinen Bann zieht. Nicht durch Literatur, aber durch Mode und Fotografie. „Mode hat mich von klein auf stark interessiert. Eines Tages habe ich mir eine Kamera gekauft und dann kam alles von selbst.“, erzählt Corentin und blickt zu seinen Anfängen zurück. Der 22-Jährige lebt seit drei Jahren in Paris, kommt aber aus Bordeaux und hat in Grenoble, in den Alpen, studiert. In der französischen Millionenmetropole hat seine Karriere begonnen – aber nicht so schnell, wie man denken mag. „Hier habe ich meinen Agenten getroffen, der mich aber erst einmal für 1 ½ Jahren nach Asien geschickt hat. Dort bin ich nicht nur durch alle möglichen Städte gereist, sondern habe vor allem meine ersten Erfahrungen als Model gesammelt.“ Wir befinden uns im zweiten Stock des Hauses. Man riecht die Geschichte aus den Wänden. So eine Geschichte hat auch Versace. „Ich liebe die Mode von Versace, weil die italienische Marke sich von anderen unterscheidet: Sie hat nicht nur eine interessante Geschichte und Tradition, bietet aber dazu noch Kleidung an, die extravagant ist und von guter Qualität. Ich mag besonders großgeschnittene Mäntel.“ Er schwärmt. Die historischen und extravaganten Räume des Museums lassen ebenfalls an Gianni und Donatella Versace denken. Beide sind zweifellos Ikonen, die die Modegeschichte prägen. Wer prägt jedoch Corentin bis heute? „David Beckham und David Gandy sind zwei völlig verschiedene Männer, die mich mit ihrem Stilbewusstsein stark inspirieren. Egal, ob sie ein Hemd, einen Anzug oder etwas Lässiges tragen – sie kombinieren es immer gekonnt und lassen es gut aussehen.“ Gut sieht auch Corentins erstes Versace-Outfit aus.

Erfolg braucht Zeit und Arbeit. Das kennt Corentin nur zu gut und bewundert deswegen besonders einen französischen Designer: Olivier Rousteing. „Man sieht, dass er eine Vision hat und dafür gekämpft hat. Was er mit Balmain erreicht hat, ist unglaublich.“ Für Balmain zu laufen, so der ehemalige Sport-Student, wäre ein Traum, für den er arbeiten möchte. Und wie Victor Hugo schon zu sagen pflegte, „Im Denken ist Wille, nicht im Traum“.
Während wir einen interessanten Cerruti 1881-Look zusammenstellen und die Schönheit Paris’ betrachten, kann man sich durchaus fragen, ob es Gründe gäbe, diese Stadt überhaupt zu verlassen. Schließlich gilt sie als die Modestadt schlechthin und bietet Möglichkeiten, welche meist anderswo fehlen. Trotzdem ist Corentin skeptisch. „Obwohl Paris vielfältig ist und eine wichtige Modeszene hat, ist der Umgang der französischen Modeindustrie mit Models und Influencern doch sehr eigen und nicht immer förderlich. Deswegen zieht es mich ins Ausland, vor allem nach Amerika.“ Huard wird diesen Frühling noch für einige Zeit nach Los Angeles, dem Influencer-Mekka, gehen und sein Glück versuchen. „Ich freue mich, neue Herausforderungen in Anspruch zu nehmen, die mir in Frankreich verwehrt geblieben sind.“ LA freut sich ganz bestimmt auch auf ihn.

Als Modespezialist, der gerade bei Tommy Hilfiger in der ersten Reihe saß, bekanntes Model und Influencer ist Corentin Huard natürlich stets auf dem Laufenden und kennt die Trends, die die Herzen aller Modeliebhaber höherschlagen lassen. Seine momentanen Favorites wird er in den USA gut auskosten können. „Ich stehe im Moment total auf den West Coast-Style und Vintage. Ich liebe die Bombers à la Américaine, coole Stiefel und so weiter.“ Wer gerne durch Pariser Vintage-Stores stöbert, muss sich nicht wundern, plötzlich Corentin anzutreffen. Der Franzose ist aber auch kritisch betreffend aktueller Trends und versteht vor allem eine Tendenz gar nicht: „Sandalen“. Der Sandalen-Trend hat den vergangenen Sommer ziemlich dominiert, was man an Schuhwerken von Balenciaga und Gucci sehen kann. Auch 2018 verschwindet der umstrittene Schuh nicht von den Straßen. „Schrecklich, schrecklich“, beklagt sich Corentin. Von der Idee, Bilder von Corentin in rotgrünen Sandalen an der West Coast zu sehen, muss sich nun endgültig jeder verabschieden. Wie schade!

Nebst Instagram ist YouTube das große und wichtige Medium von heute. Auch Corentin hat sich an einen Channel gewagt, bevorzugt es jedoch sich auf Instagram zu konzentrieren. „Ich kann mich auf Instagram kreativer ausleben. YouTube eignet sich für Leute, die gerne Vlogs machen und hauptsächlich über sich selbst reden möchten. Ich erzähle meine Geschichten lieber anhand von Fotos, die ich selbst in Szene setze.“ Corentin schlüpft in ein neues Outfit. Man hört den Regen nieseln. Die Sonne kommt bald. Ist es endlich Frühling?

Des Öfteren wird Corentin mit Vorurteilen konfrontiert. Typisch ist, dass Leute die Arbeit des Influencers bzw. Models komplett unterschätzen, gar belächeln. „Das ist schade, denn der Aufwand, der ein erfolgreicher Instagram-Channel oder eine Modelkarriere benötigt, ist enorm. Die Organisation der Termine, die Kreative Leitung – oft macht man alles selbst und hat keine zehn Assistenten hinter sich. Weißt du, wenn man die Bilder sieht, denkt man nicht daran, wie viel Arbeit eigentlich hinter einem Bild stecken kann.“ In der Tat. Fotografie, Mode und Kunst werden noch immer in eine Ecke gedrängt, die nicht als „richtige Arbeit“ wahrgenommen wird. Das war zu Victor Hugos Zeiten so und ist es teilweise heute noch. Das ist falsch und verheerend. „Die Kritik ist nicht berechtigt“, sagt das Model, welches mit seiner Mutter in den französischen Alpen aufgewachsen ist. „Ich würde mir wünschen, dass man unsere Arbeit mehr wertschätzt.“

Wie sieht das Leben in 10 Jahren aus? Daran möchte Corentin Huard noch nicht zu stark denken. Er ist ein Mensch, der im Hier und Jetzt lebt und sich keine allzu großen Gedanken um die Zukunft macht. „Vielleicht ist das ein Makel, aber ich war schon immer so.“ Huard schildert aber, dass er mit 32 Jahren ein eigenes Haus besitzen möchte, eine Familie haben will, „glücklich sein eben“. Beruflich wird er sich in den nächsten Jahren verstärkt auf das Modeln und die Zusammenarbeit mit Kreativen und Magazinen konzentrieren. „Man weiß nie, wen man in dieser Branche antrifft und was sich für Möglichkeiten daraus ergeben, oder?“ Melancholisch wie Victor Hugo ist Corentin auf keine Fälle. „Ich bin positiv eingestellt und konzertiere mich auf das, was die Gegenwart zu bieten hat.“ Mittlerweile steht das letzte Cerruti 1881-Outfit an. Die Sonne sticht langsam raus und wir laufen Richtung Louvre. Man hört wie Nicolas, der Fotograf, Bilder von Corentin schießt. Was gerade in den Köpfen aller Beteiligten abgeht? Man weiß es nicht. Und das ist das Schöne an Mode und Fotografie. Durch Bilder lernt man Menschen wie Corentin kennen. Literatur hilft dabei diese Menschen zu verstehen.

Creative Direction + Text: Karim Coppola
Photography: Nicolas Gerardin
Hair & Make Up: Eva Guapas
Brands: Cerruti 1881, Versace
Special Thanks: Maison Victor Hugo